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Bouch: Erfinder des Fliewatüüt ist gestorben

Nachruf auf Albrecht Roser

Albrecht Roser mit Clown Gustaf | Foto: Ingrid Höfer

Albrecht Roser mit Clown Gustaf | Foto: Ingrid Höfer

Albrecht Roser: Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt (Plakat zum Film)

Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt - das Plakat zum Film

13. May. 2011 (ih) – 

Prof. Albrecht Roser starb im Alter von 89 Jahren 17. April 2011.

Nach dem Höhenflug seiner letzten Spiele am 5. und 6. Juli 2008 in seinem Ateliertheater in Buoch traf ihn ein Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholen konnte. Ein tiefgegründeter Künstler, ein Philosoph, ein Poet, ein genialer Puppenbauer, ein unvergleichlicher Puppenspieler, hat uns verlassen.

In Friedrichshafen geboren, in Stuttgart in gutbürgerlicher schwäbischer Familientradition aufgewachsen, war er, nach Notabitur, vier Jahre lang im Krieg in Russland. Als 23-jähriger äußerlich unversehrt, in das zivile Leben entlassen, begann eine jahrelange Suche, um seinem Überleben einen Sinn zu geben. Die Begegnung mit einer Marionette, einer Hexe seines späteren Lehrers im Marionettenbau Fritz Herbert Bross wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis. Ihre selbständige Lebendigkeit, ihre geheimnisvolle Existenz, ihre Magie – eine Kunstfigur? - tote Materie verwandelte sich im Spiel in wunderbares Leben.

Das Bross’sche Marionettenbausystem (nach Kleist’schen Prinzipien) ist so angelegt, daß Technik und künstlerische Gestaltung eine vollkommene Einheit bilden. Der Kernpunkt seiner Erfindung ist, daß die Bewegung aus dem Schwerpunkt heraus freigegeben wird. Es wird dem Spieler ein kostbares, präzise gebautes Theaterinstrument an die Hand gegeben. Roser entdeckte darin seine Möglichkeit, mit Solomarionetten zu spielen.
Bross gab sein ganzes Wissen und seine Erkenntnisse an seinen 29-jährigen Schüler weiter, er verstand es, seinen schöpferischen Impulsen eine Richtung zu geben. Roser bewunderte seine schöpferische Gestaltungskraft, nur mit seinen Clowns konnte er sich nicht anfreunden. Die Ablehnung wuchs sich zu einem inneren Protest aus, der sich in einer eigenen Schöpfung entlud. In nur sechs intensiven Arbeitswochen wurde seine erste eigene Marionette »Clown Gustaf« geschaffen. Roser schreibt darüber: “Meine Seele hatte sich verkrochen, so weit, dass ich sie nicht wahrnehmen konnte. Mit einem Satz war sie da; sie erschien unbeschädigt und löste mich aus der Erstarrung, in die mich vier Jahre Krieg versetzt hatten.“
Clown Gustaf sprang ins Leben und machte Roser durch seine unerschöpfliche Persönlichkeit unversehens zum Puppenspieler. Er war sein Alter Ego, sein Mentor, sein Wegweiser, seine Inspiration im Spiel von 1951 bis 2008. Es gibt in der Puppenspielszene nichts Vergleichbares. Die schöpferische Verbindung zwischen Clown Gustaf und Roser kann man nicht beschreiben. Das Publikum war hingerissen, 57 Jahre lang, vor Freude, Verwunderung, Entzücken, Lachen, der unbesiegbare Clown Gustaf, eine wunderbare Art der Lebensbewältigung, eine einzigartige Partnerschaft. Gustafs Witz, Charme, Verschmitztheit und seine Überlegenheit in jeder Situation nahmen mit den Jahren auf der Bühne zu und die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem genialen Spieler ebenfalls. Und dazu gab Roser Marionetten bei seinem verehrten Lehrer in Auftrag für sein Szenenprogramm mit Solomarionetten GUSTAF UND SEIN ENSEMBLE, mit dem er 1958 beim ersten Weltfestival der Puppenspieler in Bukarest überraschend eine Goldmedaille gewann.

Mit GUSTAF UND SEIN ENSEMBLE reiste er jahrzehntelang durch alle Kontinente als Botschafter für die Kunst der Marionette. Das Ensemble spielte in Deutschland nicht nur in Theatern, sondern für Firmen, Universitäten, bei Tagungen, Computerlehrgängen, privaten Festen, Jubiläen landauf, landab. Das Publikum liebte „Das Froschkonzert“, den „Storch auf seinem Morgenspaziergang“, „Die Szene von der Schattenseite des Lebens“,  „Den Clown mit der Blume“, „Clown Pünktchen und sein Glück“, „Seltsamer Reigen“, die „Schöne der Nacht“ und wie sie alle heißen. Jede Szene war mit seinem Leben verwoben. Im Spiel begegnete er seinen Geschöpfen immer neu, inspiriert von ihren überraschenden Charakterzügen.

Der Schlussauftritt der OMA AUS STUTTGART, die als schwäbische Großmutter immer genau Bescheid wußte, war die große Attraktion, natürlich auch im Ausland. Sie schwätzte alle Sprachen mit heimischem Akzent. In Europa war das nicht schwer, in Asien schaffte sie es überall, nur chinesisch war in der kurzen Zeit für Ihre Auftritte in Hongkong, Rotchina und Taiwan nicht zu schaffen. Das Ensemble reiste dort bereits 1980, spielte im Theater des chinesischen Probenzirkus in Peking. Maos Bildnis auf der Universitätsbühne in Shanghai wurde für Clown Gustafs Auftritt hinter die Bühne geschoben und in Taiwan wurde die traditionelle chinesische Puppenspielkunst zum Erlebnis. Brennpunkte der Auslandsreisen wurden die zahlreichen Tourneen nach Japan und Amerika. In einem Zen-Kloster in Kyoto fand ein Austausch zwischen einer Rosermarionette und einer Nô-Maske statt, ein Kleinod, das für Roser zum Maßstab seiner eigenen Werke wurde. Amerika faszinierte durch seine Offenheit für Ungewöhnliches, durch die Weite des Landes und seiner Menschen. Roser war an der University of Connecticut zu einer halbjährigen Gastdozentur eingeladen, was zu seinen Internationalen Sommerakademien in verschiedenen Ländern führte, zu seinen Meisterklassen und zur Durchsetzung und Einrichtung des Studienganges Figurentheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart 1983. Es gab zu dieser Zeit keine Hochschulausbildung für Puppenspieler in West-Europa - eine bahnbrechende Tat. Und er baute über 20 Jahre lang das FITZ-Figurentheater auf, zusammen mit den Stuttgarter Puppenspielern.

Über 30 Jahre lang wurden Puppenfilme und Puppenfilmserien vor allem im SDR gesendet unter der Leiterin des Nachmittagsprogramms Frau Dr. Elisabeth Schwarz.
Es entstanden Serien wie „Telemekel und Teleminchen“, „Der starke Wanja“, Puppenfilme wie „Der dritte Ton“, „Die Nachtigall“ etc. und die „Oma aus Stuttgart“ moderierte in Serien wie „Der Schaukelstuhl“ und „Ich wollt ich wär“ zusammen mit der Journalistin Susanne Offenbach.

Er inszenierte „Den Rabentanz“ und für die Europäischen Musikfeste der Internationalen Bachakademie den Gluck’schen Don Juan, „Die Geschichte vom Soldaten“ von Strawinsky und „Ein Mozartdivertimento als Figurenspiel“. Er inszenierte in Polen, gab an vielen Hochschulen und Puppenspielerfestivals Lehrgänge und Sommerakademien.

In den letzten Jahren zog er sich in sein Buocher Atelierhaus zurück, das Reisen wurde für ihn zu anstrengend. Er eröffnete mit 84 Jahren sein Ateliertheater in seinem Studio. Das wurde zum Selbstläufer, die Vorstellungen waren meist ausverkauft, das Publikum liebte die Werkstattatmosphäre, die Intimität, den persönlichen Kontakt, das „Hinter die Kulissen schauen“, und vor allen Dingen Albrecht Rosers Szenenprogramm GUSTAF UND SEIN ENSEMBLE.

Die glückliche Vielfalt seiner Begabungen und die absolute Hingabe an seine Arbeit bescherten ihm Höchstleistungen in der Neuentwicklung der Marionette und im Spiel. Er gilt weltweit als der Spezialist für diese Theatersparte.

Wer seine Spiele erlebt hat, ganz besonders seine letzten Vorstellungen im Juli 2008, wurde von seiner tiefsinnigen Heiterkeit und Freude in eine wunderbare Dimension versetzt. Er hat sein Publikum in aller Welt bezaubert.

„So habe ich mein ganzes Leben lang versucht zu dienen, der Freude zu dienen. Es war ein wundervolles, heißgeliebtes und heftig gelebtes Leben – voll von allem, was dazu gehört, keineswegs leicht, randvoll gestopft mit Arbeit, die auch ihren Teil zur Freude beitrug.“

Ingrid Höfer (längjährige Aisstentin und Mitarbeiterin von Albrecht Roser)

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